Ein unermesslicher Schatz für unsere Gesundheit

27.04.2010 von Bea Heim, Nationalrätin SP und Co-Präsidentin der parlamentarischen Gruppe Biodiversität und Artenschutz

Meine ersten Begegnungen mit der Vielfalt der Natur waren die Sonntagswanderungen mit meinem Vater. Ein abgegriffenes, vergilbtes Doktor-Büchlein in der Hand machten wir uns auf die Suche nach Heilkräutern. Ich träumte von eigenen Salben und Chrütli-Tees, wie ich sie von der Kräuterküche meiner appenzellischen Grossmutter kannte.

Heute weiss ich, was mich meine kindliche Neugierde damals erst erahnen liess: die biologische Vielfalt unserer Lebensräume ist eine zentrale Lebensgrundlage für alle. Deshalb gilt es, sie zu erhalten und zu schützen.

Biodiversität muss zum Kernstück der Landwirtschaft werden, will diese ihre Produktions­grundlage nicht zerstören. Allerdings zeigt der Raubbau an der Natur und die laufende Klimaveränderung bereits deutliche negative Auswirkungen auf die regionalen Ökosysteme und die Artenvielfalt, oder wie man heute sagt, auf die Biodiversität. Dabei stimmen mich Meldungen aus den USA über die politischen Vernebelungstaktiken gewisser Firmen, die aus Profitgier den Klimawandel verneinen und verharmlosen, umso bedenklicher, als auch bei uns die gleiche Propaganda spürbar wird.  

Wir alle sind auf den Erhalt der biologischen Vielfalt angewiesen. Sie ist die Grundlage für eine gesunde Ernährung und die genetische Vielfalt ist ein unermesslicher Schatz für unsere Gesundheit. Gerade darum ist das Prinzip der Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft so wichtig. Sie in der Bewahrung und Förderung der Biodiversität zu unterstützen, in der Erhaltung artenreicher Lebensräume in der Kulturlandschaft und in der Pflege der Vielfalt der Pflanzen und Nutztiere, ist eine Verantwortung, die uns alle angeht.

Letztlich tun wir dies in unserem ureigenen Interesse. Auch wir Konsumenten und Konsumentinnen können die biologische Vielfalt fördern. Indem wir regionale und ökologisch hergestellte Produkte kaufen. Damit tun wir viel für unsere Gesundheit. Der ETH Zürich gelang der Nachweis, dass die Milch artenreicher Alpwiesen und der damit produzierte Käse besonders reich an jenen gesunden Fettsäuren ist, die wichtig sind für die Entwicklung des kindlichen Gehirns und bei Erwachsenen für die Minderung des Risikos, an Herzkreislaufbeschwerden zu erkranken.

Gewisse alte Apfelsorten wiederum sind all jenen Menschen zu empfehlen, die unter einer Sorbitunverträglichkeit leiden. Die Natur ist eben die Apotheke des Menschen. So enthält rund die Hälfte aller Medikamente Naturprodukte. Zwanzig Prozent sind gar reine Heilpflanzen, wie der Baldrian, dem Unzählige ihren ruhigen Nachtschlaf verdanken.

Die Teufelskralle hilft gegen Schmerzen, die Salbei lässt Entzündungen abklingen, die Ringelblume und der Aloe-Saft beschleunigen die Wundheilung, die Hoodia-Pflanze, ein Gewächs aus den Halbwüsten im südlichen Afrika, hat einen Hunger stillenden Effekt. Sie ist heute vom Raubbau bedroht, denn mittlerweile wird sie als Präparat zur Gewichtskontrolle vermarktet. Naturstoffforschung nennt sich diese weltweite Suche nach immer neuen Natur-Wirkstoffen und Nutzungsmöglichkeiten genetischer Ressourcen.

Doch die biologische Vielfalt ist weltweit bedroht. Ausbeutung und Umweltverschmutzung bedrohen die lebenswichtige Biodiversität gerade in der dritten Welt. Noch ist es nicht so weit, dass die Entwicklungsländer eine angemessene Entschädigung erhalten, wenn ihre Artenvielfalt genutzt wird, wenn aus Tropenpflanzen neue Medikamente entwickelt werden.

Noch immer ist das Wissen darum, dass die Artenvielfalt ein Kernstück der internationalen Zusammenarbeit für nachhaltige Entwicklung werden müsste, nicht umgesetzt. Die Ziele des Schutzes, der nachhaltigen Nutzung und insbesondere auch eines gerechten Vorteilsausgleichs bei der Nutzung der genetischen Ressourcen sind leider vorerst nicht viel mehr als fromme Wünsche.

Dabei finden sich 80 Prozent der biologischen Ressourcen in Entwicklungsländern. Der dort von den Wirtschaftsinteressen der Industrieländer verursachte Verlust an biologischer Vielfalt gefährdet in dramatischer Weise die Lebensgrundlagen der dort lebenden Menschen. Nicht selten sind die Heilpflanzen für die meist armen Menschen die einzig verfügbare und bezahlbare Möglichkeit zur Behandlung von Erkrankungen.

Stabile und intakte Ökosysteme verhindern präventiv umweltbedingte Krankheiten. Es gibt viele, existentiell wichtige Gründe, um sich für den Erhalt der biologischen Vielfalt einzusetzen und das nicht allein im eigenen Land. Es ist höchste Zeit für eine weltumspannende Strategie zum Erhalt der Artenvielfalt.

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