Landwirtschaft und Biodiversität

15.03.2010 von Hansjörg Walter, Nationalrat und Präsident des Schweizerischen Bauernverbands

2010 ist das Jahr der Biodiversität. Zahlreiche Aktivitäten sind geplant, häufig wird dabei auch die Landwirtschaft thematisiert. In meinem Beitrag gehe ich der Frage nach: Wo und warum machen die Bauern etwas für die Biodiversität? Welche Rolle spielt das Geld? Und: Welche Rolle hat die Gesellschaft?

Auf lange Sicht hängt das Überleben der Menschheit von der Vielfalt ab. Einer Vielfalt, die von einer vielfältigen Landwirtschaft am besten bewahrt wird und die in der Schweiz eine jahrhundertelange Tradition hat.

Doch diese vielfältige Schweizer Landwirtschaft ist bedroht: Globalisierung und Freihandel führen dazu, dass sich vor allem Acker-, Obst- und Gemüsebau in der Schweiz nicht mehr lohnen. Setzt sich der Freihandel durch, dann wird wohl in unserem Land wenig anderes als Milch produziert.

In einer derart «fitgetrimmten» Landwirtschaft dominieren einseitige Spezialbetriebe, die sich an Werten wie Wachstum und Cashflow orientieren. Vielfältige Familienbetriebe verlieren ihre Existenzberechtigung. Mit ihnen verschwinden die zahlreichen Lebensräume, welche die produzierende Landwirtschaft heute als Koppelprodukt bereitstellt. Ohne Bauern keine Vielfalt.

Die Schweizer Landwirtschaft bewirtschaftet heute rund 120’000ha als ökologische Ausgleichsflächen. Auf diesen Flächen hat die Erhaltung und Förderung der natürlichen Biodiversität Vorrang. Für den entgangenen Ertrag und den Aufwand der ökologischen oder landschaftspflegerischen Leistungen zahlt der Bund Ökobeiträge.

Je nach Region werden zwischen 2 und 40% der landwirtschaftlichen Nutzflächen als ökologische Ausgleichsflächen (ÖAF) bewirtschaftet. Die angemeldete Fläche hängt nicht nur mit der unterschiedlichen Einstellung der Bauern zusammen, sondern auch sehr stark mit den klimatischen Faktoren und dem Ertragspotenzial eines Standortes.

In den tiefen Lagen werden die ÖAF eher an Grenzertragsstandorten angelegt, weil die ertragsreicheren Flächen für die Produktion benötigt werden.
In den höheren Lagen werden die Flächen aufgrund der tieferen Produktion oft extensiver bewirtschaftet.

Mit einem Zusatzprogramm werden zusätzlich die Vernetzung und die Qualität der Flächen gefördert. Mit dem dritten und neuesten Element, den Ressourcenprogrammen, können ganz spezifische Massnahmen zur Erhaltung oder Förderung der Vielfalt gezielt unterstützt werden.

Geld allein macht aber noch keine Vielfalt. Daneben spielt auch Zeit eine wichtige Rolle.

Wird von der Landwirtschaft erwartet immer effizienter und günstiger zu wirtschaften, wird die Arbeitskraft prioritär auf die produktiven Flächen gelegt, die wenig produktiven Flächen werden aufgegeben. Das sind häufig jene Flächen mit der grössten biologischen Vielfalt.

Zudem darf die persönliche Einstellung nicht unterschätzt werden. Bei vielen Ökoflächen ist ein Umdenken erforderlich. Der über Generationen anerzogene und auch von der Bevölkerung erwartete «Ordnungssinn» muss über Bord geworfen werden.

Was früher als Unkraut entfernt wurde, gilt nun plötzlich als ökologische wertvoll. Dürre Gehölze bleiben stehen, Hecken und das überständige Gras werden nicht «gestutzt», der optische Eindruck ist «ungepflegt».

Zudem steht Ökologie als Selbstzweck im Widerspruch zum üblichen bäuerlichen Denken. Denn für die Bauern steht nach wie vor die Nahrungsmittelproduktion im Vordergrund. Naturschutz verstehen sie als Koppelprodukt.

Am Ende sind es die Konsumentinnen und Konsumenten, die mit Ihrem Kaufverhalten Signale setzen, was am Markt gefragt ist. Leider sind diese oft widersprüchlich.

Während in Umfragen die Bedeutung von Ökologie oder Tierschutz etc. immer wieder unterstrichen werden, spiegelt sich dieses Bekenntnis zu einer nachhaltig produzierenden Landwirtschaft im Kaufverhalten leider oft wenig wider.

So greift in Realität manch einer zum Billigprodukt aus unbekannter Produktionsweise statt zum etwas teureren, dafür aber auch nachverfolgbaren, kontrollierten und unter hohen ökologischen Gesichtpunkten produzierten lokalen Produkt.

Obwohl es nicht immer einfach ist, Biodiversität und Produktion unter einen Hut zu bringen, braucht es beides.

Eine rein auf technische Effizienz und produktive Leistung ausgerichtet Landwirtschaft ist für die Schweiz nicht erstrebenswert. Aber auch eine rein konservierende und kaum noch produzierende Landwirtschaft bietet keine Zukunftsperspektiven.

Die Schweizer Bevölkerung wächst und der Konsum steigt. Alles, was nicht in der Schweiz produziert wird, muss folglich aus dem Ausland importiert werden. Oft aus Ländern, in denen kein Ökoausgleich vorgeschrieben ist, keine Düngerbilanz eingehalten werden muss, keine Fruchtfolge Pflicht ist. Aus Ländern also, in denen die Biodiversität wesentlich stärker unter Druck ist als hierzulande.

Die folgenden Punkte sind für eine produzierende Landwirtschaft deshalb zentral:

  • Nachhaltige Nahrungsmittelproduktion und Biodiversität sind Koppelprodukte. Der gemischtwirtschaftliche Landwirtschaftsbetrieb mit Tierhaltung und verschiedenen Acker- und Spezialkulturen bietet die besten Voraussetzungen für eine hohe Biodiversität.
  • Liberalisierungsschritte der Agrarpolitik (WTO, EU-Agrarfeihandel etc.) zwingen die Produzenten zur betriebswirtschaftlichen Entscheidung: Entweder intensivieren oder extensivieren. Beide Möglichkeiten fördern die Biodiversität nicht.
  • Die Globalisierung der Nahrungsmittelmärkte weist gravierende negative Externalitäten auf. Tiefe Transportkosten und ungenügende Umwelt- und Sozialstandards machen es interessant, Nahrungsmittel von Billiglohnländern in die Industrie- und Dienstleistungsnationen zu verschieben. Das Unterlaufen von Schweizerischen Umweltstandards durch zunehmenden internationalen Handel soll sich wirtschaftlich nicht auszahlen dürfen. Ökostandards in Produktion und Handel sollen international rasch verankert werden.
  • Solange die Spiesse so unterschiedlich lang sind, behalten die Direktzahlungen eine absolut entscheidende Rolle.

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