Wie Schweizer Schokolade zum Erhalt der Biodiversität beitragen kann

17.05.2010, von Christoph Inauen, Chocolats Halba

Jede Schweizerin und jeder Schweizer konsumiert pro Jahr rund 14 Kilogramm Schokolade. Die Basispflanze zur Herstellung dieser Köstlichkeit, der Kakao, wächst im tropischen Gürtel und wurde ursprünglich im (Regen-) Wald unter hohen Schattenbäumen angepflanzt.

In den vergangenen Jahrzehnten sind viele Kakao-Anbausysteme zu Monokulturen geworden. Dies raubt vielen Pflanzen- und Tierarten ihren Lebensraum, Zugvögel beispielweise sind stark auf die hohen Schattenbäume angewiesen. Lebensraum verschwindet in den Tropen auch durch die Abholzung des Regenwaldes.

Vidal Benitez
Vidal Benitez

«Als ich klein war, war alles noch wunderschön hier. Alles war Wald. Es gab Flora und Fauna. Es hatte viele Affen, Tiger (Jaguare -> s. Kommentare weiter unten) und andere Tierarten. Heute gibt es diese nur noch selten, sie leben in den übriggebliebenen Waldflächen» erzählt Vidal Benitez, Präsident der Kakao-Kooperative APROSACAO beim Podiumsgespräch.

Vidal kommt aus Honduras und lebt in der Nähe des Nationalparks Patuca. Wo es früher den üppigen Wald zu bestaunen gab, ist heute praktisch nur noch braches Grasland übriggeblieben, welches zumeist für die Viehwirtschaft genutzt wird. «Pro Kuh braucht es mindestens 1 Hektar Grasland und mit dem steigenden Fleischkonsum fällt immer mehr Wald der Viehproduktion zum Opfer» sagt Vidal.

Die Tendenz ist besorgniserregend, denn nicht nur um den Nationalpark wird weiter abgeholzt, auch im eigentlich geschützten Nationalpark geht mehr und mehr Lebensraum verloren.

Wenn man bedenkt, dass dieser Nationalpark Lebensraum für (unter anderen) 174 Vogelarten, 37 Reptilien, 50 Medizinalpflanzen, 35 Fischarten und 66 Säugetierarten ist, so stimmt das nicht nur Vidal nachdenklich. Nach den Gründen für die Abholzung gefragt meint Vidal: «Viele Kleinbauern bei uns holzen ihren Wald ab, um danach das Land der Viehwirtschaft zu verpachten. Das gibt Ihnen zumindest ein kleines Einkommen. Was will man ihnen auch vorwerfen? Es gibt praktisch keine Alternativen».

Mit dem Ziel den Kleinbauern eine ökonomische Alternative zu bieten gründete Vidal anfangs 2009 die Kakaokooperative APROSACAO. Mit der Unterstützung von Helvetas, der Chocolats Halba und dem Coop Fonds für Nachhaltigkeit entstand so ein Aufforstungsprojekt mit dem Ziel, Waldsysteme rentabel werden zu lassen. Das Prinzip des Projektes erklärt sich am besten anhand des Beispiels von Simon, einem Kleinbauern der Kooperative:

1’500 Pflanzensetzlinge auf einer brachen Grasfläche
1’500 Pflanzensetzlinge auf einer brachen Grasfläche

Simon bekam im 2009 einen Kleinkredit in Form von etwa 1’500 Pflanzensetzlingen, darunter viele Früchtbäume, Leguminosen, Edelhölzer und Kakao. All dies pflanzte er letztes Jahr auf einem Hektar seiner brachen Grasfläche.

Weil gewisse Fruchtbäume wie beispielsweise die Bananen sehr schnell wachsen, erzielt Simon bereits im 2010 ein kleines Einkommen durch deren Verkauf. Im 2012 wird er die ersten Kakaobohnen ernten können, welche er zu einem fairen Preis an die Chocolats Halba verkaufen kann.

Mit einem Teil dieses Erlöses muss er den Kredit zurückbezahlen und ermöglicht so einem weiteren Kleinbauern die Aufnahme eines «Pflanzen-Kredits». Die eher langsam wachsenden Edelhölzer sollen Simon langfristig zum Erfolg verhelfen - nach 15 Jahren hat sein aufgeforstetes Landstück einen Wert von bis zu 200'000 Franken. Alle Bäume sind numeriert und dürfen nur nachhaltig geschlagen und verkauft werden.

Es entstehen also Waldsysteme, welche nicht nur Lebensraum für viele Pflanzen und Tierarten bieten, sondern auch für den Kleinbauern rentabel sind. Er erhält so eine Alternative zur Abholzung.

Der Ansatz stösst in der Region von Vidal auf reges Interesse, das Projekt wird bereits in diesem Jahr ausgeweitet. Der qualitativ hochwertige Kakao wird von der Chocolats Halba zu Edelschokolade verarbeitet und soll, sofern alles nach Plan läuft, im 2011 in den Coop Regalen zu finden sein.

«Die enge Zusammenarbeit mit Helvetas und Halba hat unseren Glauben daran gestärkt, dass wir unsere Biodiversität erhalten sogar fördern können. Wenn die Schokolade so gut herauskommt wie in den ersten Tests, dann werden die Schweizer sicherlich bald noch mehr Schokolade essen» schmunzelt Vidal bei der gemeinsamen Degustation der ersten Pilotschokolade.

Die Chocolats Halba glaubt stark daran, dass mit biodiversitäts-freundlichen Kakaoanbausystemen und  langfristigen und fairen Handelsbeziehungen die beste Qualität hergestellt werden kann. In diesem Sinne freuen wir uns riesig darauf, Ihnen die erste Honduras Schokolade präsentieren zu können.

Kommentare

Hans-Peter Gschwend, 27.05.2010 11:27:
zwischen der ungebremsten Abholzung unserer Wälder und der Überbauung unserer Landreserven und der Ölkatastrophe, wie sie derzeit im Golf von Mexico passiert ist für mich kein Unterschied.
Wir sollten eine Weltkonferenz für die Vernunft und Bescheidenheit der Menschen einberufen und alle diese Exzesse sofort stoppen!!!

Wer weiss, vielleicht kann Herr Leuenberger etwas bewegen? Leider ist es sehr spät ...!
J N, 02.12.2010 08:02:
Ich bin doch sehr verwundert über das Vorkommen von Tigern in Honduras:
entweder wurde hier etwas schlecht übersetzt oder jemand an der Nase herumgeführt
Oliver Graf, 02.12.2010 12:30:
Tatsächlich, hier handelt es sich um eine ungenaue Übersetzung. Auf Deutsch bezeichnet man mit "Tiger" die Art Panthera tigris. Das spanische Wort "tigre" bezeichnet dagegen zusätzlich auch die Art Panthera onca, die auf Deutsch "Jaguar" heisst.
zum Seitenanfang