Wissensdurst und Handlungsbedarf

08.03.2010, von Werner Müller, Geschäftsführer Schweizer Vogelschutz SVS/BirdLife Schweiz

Wie konnte es nur soweit kommen? Ich meine nicht den in vielen Bereichen dramatischen Zustand der Biodiversität in der Schweiz. Der ist offensichtlich und seine Ursachen wie unverminderter Landschaftsverschleiss, starke Nutzungsintensivierung und überbordende Freizeitaktivitäten sind bekannt.

Nein, ich meine die Tatsache, dass die Bevölkerung den gravierenden Biodiversitätsverlust noch gar nicht richtig zur Kenntnis genommen hat.

Im letzten Herbst ergab eine repräsentative Bevölkerungsumfrage, dass rund 70 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner der Schweiz wirklich der Meinung sind, dass die Biodiversität in unserem Land in einem recht guten Zustand sei. Mit Tatsachen hat das nichts zu tun.

Die Fehleinschätzung hat aber gravierende Auswirkungen, auf die Beurteilung des Handlungsbedarfs, aber auch auf den Willen, sich mit der Biodiversität auseinanderzusetzen.

Wenn alles in Ordnung ist, muss man sich nicht weiter mit der biologischen Vielfalt beschäftigen. So hatten 64 Prozent der Befragten Schweizerinnen und Schweizer das Gefühl, ausreichend über die Biodiversität informiert zu sein. Zum Vergleich: In der EU waren es 38 Prozent. Alles paletti, wir in der Schweiz sind halt wie überall besser? Im Gegenteil: In der EU ist die Kenntnis über die Biodiversität deutlich fundierter als in unserem Land!

Mit der intensiven Beschäftigung mit dem Thema kommen die Fragen und der Bedarf nach mehr Information. Seit dem letzten Herbst hat der Wissenshunger der Schweizer Bevölkerung nun aber auch zugenommen.

Die umfassende, aber zugleich populäre Broschüre des Schweizer Vogelschutzes SVS ist bereits in hunderttausend Exemplaren verbreitet. In Zoos und bei Naturschutzorganisationen decken sich viele Leute mit dem gemeinsamen kurzgefassten Flyer ein.

In Zeitungen, Radio und Fernsehen kommen immer mehr Beiträge. Hoffen wir, dass in einem Jahr – nach der intensiveren Beschäftigung mit dem Thema im Biodiversitätsjahr – weniger Schweizerinnen und Schweizer das Gefühl haben, ausreichend über die Biodiversität informiert zu sein! Das wäre ein gutes Zeichen: Das Problembewusstsein ist geschärft.

Dieses Problembewusstsein ist nötig, um den Handlungsbedarf richtig einschätzen zu können. Dazu braucht es auch persönliche Betroffenheit.

Wenn ich die Feldlerche mit Namen kenne und ihren Gesang über dem Acker bewusst wahrnehme, dann habe ich eine andere Beziehung zu ihr als Teil der ganzen biologischen Vielfalt, als wenn ich nur gerade «Vogel» weiss – oder «Blume» oder «Baum». Artenkenntnis schafft Beziehung. So wird mir auch bewusst, wenn eine Art nicht mehr da ist.

Wie konnte es nur zu dieser Fehleinschätzung des Zustandes der Biodiversität durch die Bevölkerung kommen, frage ich zu Beginn dieser Zeilen.

Zu wenig fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema, gezeigt am Wissensbedarf, und Entfremdung von der Natur, dargestellt am Beispiel der Artenkenntnis, sind entscheidende Punkte.

Wenn wir wollen, dass jede und jeder Einzelne sich für die biologischen Vielfalt einsetzt, aber auch, dass die Schweiz endlich eine griffige Biodiversitätsstrategie erhält, welche klare Ziele aufzeigt und die zur Umsetzung nötigen Mittel bereit stellt, dann braucht es einerseits mutige Politikerinnen und Politiker, aber auch eine informierte Bevölkerung mit einer engen Beziehung zur Natur.

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